Die neue Seidenstraße – Vom Kreuzweg der Kulturen zum eurasiatischen Austauschkorridor

Steht Chinas Aufstieg – und Amerikas Krise – für den Beginn einer neuen Weltordnung? Erwartet uns ein chinesisches Zeitalter? Viele Journalisten prognostizieren eine Verlagerung der geopolitischen Macht- und Kristallisationspunkte noch in dieser Generation. Beobachter rechnen mit einer deutlichen Neubewertung des globalen Kräfteverhältnisses. Der Berliner Geograph Hermann Kreutzmann kann den Wandel der chinesischen Einflusszone ausmachen, wo man ihn nicht unbedingt sofort vermuten würde – in den dünnbesiedelten Regionen Zentralasiens, seit viele Jahrzehnten Kreutzmanns Forschungsschwerpunkt. China reanimiert dabei die Bedeutung der alten Seidenstraße, die in historischer Zeit symbolträchtig Europa und Asien verband. Seinerzeit war das chinesische Zeitalter durch die Vormachtstellung des Westens abgelöst worden, heute stehen die Vorzeichen in umgekehrter Richtung, und China investiert kräftig in seinen fast menschenleeren Westen und seine kleinen Nachbarstaaten im gebirgigen Zentralasien. Prof. Kreutzmann hat seine Erkenntnisse zu diesem epochalen Wandel in zwei Büchern zusammengefasst („Pamirian Crossroads: Kirghiz and Wakhi in High Asia“, 2015; „Wakhan Quadrangle: Exploration and Espionage During and After the Great Game“, 2017), ein dritter Band, in dem der Wandel vom Karakoram Highway zum China Pakistan Economic Corridor im Zentrum stehen wird, ist in Vorbereitung und themeatisiert Chinas Verhältnis zum wichtigen Zukunftsmarkt Pakistan mit seiner strategischen Brückenfunktion. Das chinesische Leitbild „One Belt, One Road“ – die neue Seidenstraße – zeigt sich in vielen geographischen Facetten: am Reißbrett geplante Städte, pulsierender Handel, unerschrockener Straßenbau, gewaltige Zollstationen, vielspurige Autobahnen, wagemutige Eisenbahnlinien, neues Leben der Nomaden. In Zentralasien vollziehen sich im Moment dramatische soziale und wirtschaftliche Veränderungen, die unter dem Stichwort der ‚Modernisierung um jeden Preis‘ geopolitische Implikationen verschleiern und strategische Transformationen forcieren.

Bildnachweis: Hermann Kreutzmann

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